Dienstag, 20. März 2012

Dresden. Dienstag 13. Februar 1945

Die sächsische Tragödie vom 13. Februar 1945, als in mehreren Angriffswellen Bomben auf Dresden fielen und große Teile der Stadt zerstört wurden, ist zum Synonym des totalen Krieges geworden, bei dem Opfer in der Zivilbevölkerung nicht nur in Kauf genommen werden sondern als Teil der Kriegführung gelten. Fast 70 Jahre später wird an diesem Tag immer noch "getrauert". Rechtsextreme heben sich etwas von den Konservativen ab und versuchen unter Zuhilfenahme falscher Opferzahlen den Holocaust zu relativieren, in dem sie ihm Dresden gegenüberstellen. Auch unter Linken ist der Umgang mit Dresdens Geschichte nicht unumstritten; auch von ihnen hört man immer wieder eine moralische Verurteilung dieser Angriffe einerseits des militärischen Mittels des Bombenkrieges wegen und andererseits wird unterstellt, diese Angriffe richteten sich auch gegen die Sowjetunion.

Eine sehr gute Untersuchung der Angriffe stellt Frederick Taylors Werk "Dresden. Dienstag 13. Februar 1945" dar. Der Mythos der unschuldigen Stadt Dresden ist seit dem Erscheinen nicht mehr haltbar.

Stadt ohne militärische und industrielle Bedeutung?

Das Handbuch des Waffenamtes des Oberkommandos des Heeres (OKH) von 1944 wies für die Stadt Dresden 127 Betriebe ein Fertigungskennzeichen auf. Mit diesen war einerseits Geheimhaltung gewährleistet und andererseits konnten militärische Stellen ermitteln, von welchem Hersteller bestimmte Waffen, Geräte und Munition war. Fachleute im Dresdner Stadtmuseum bezeichneten die Liste im Handbuch als sehr unvollständig, weil kleineren Lieferanten und Werkstätten kein Kennzeichen zugeteilt worden war.

Vor dem Krieg gab es in Dresden vor allem Firmen, die Artikel für den Freizeit- und Luxusbedarf herstellten. Als klar wurde, dass sich der Krieg in die Länge ziehen würde, wurde die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt. 1944 war diese Umstellung fast komplett. Nicht nur Unternehmen aus dem Bereich Geräte- und Maschinenbau produzierten Rüstungsgüter, sondern auch Hersteller von Lederwaren, Holzmöbeln, Gardinen und Wäsche, Klavieren und Handtüchern.

Für den Krieg im Osten spielte auch das Bahnsystem eine hervorragende Rolle. Für den Krieg gegen Polen stellte die Direktion in Dresden im August / September 1939 rund 15.000 zusätzliche Züge zur Verfügung, damit die Transporte in Richtung Osten reibungslos und pünktlich abgewickelt werden konnten.
Mit der Eroberung weiter Gebiete Osteuropas und Russlands nach 1941 wurde Dresden zum Bestandteil eines riesigen, überdehnten Streckennetzes.
Die Bedeutung Dresdens als Durchgangspunkt für Militärtransporte ersieht man aus den zahlen für Oktober 1944, als der Vormarsch der Alliierten von der Normandie aus sich zu verlangsamen begann, während die Fronten im Osten und Südosten gefährlich näher rückten und beträchtliche Truppenbewegungen von Ost nach West stattfanden. Dresden-Neustadt passierten täglich im Durchschnitt 28 Militärzüge, die zusammen fast 20.000 Soldaten beförderten.
Am 1. Januar 1945 wurde Dresden heimlich zu einem militärischen Stützpunkt, zum Verteidigungsbereich erklärt. Der Befehl wurde von Heinz Guderian gegeben. Der Unterschied zur "Festung" lag darin, dass die Festung eine Stadt war, deren Verteidigungsanlagen dauerhaft waren, während sie beim Verteidigungsbereich nur zeitweilig waren.
Doch die Dresdner wiegten sich weiterhin in der Illusion, ihre Stadt genieße wegen ihres einmaligen kulturellen Wertes einen 'Sonderstatus'. Sie wussten nicht, dass Berlin einen gewissen General Adolf Strauß zum 'Oberbefehlshaber der Ostbefestigungen' ernannt hatte und dass ihm der Auftrag erteilt worden war, eine 'Elblinie' zu schaffen, die von Prag (wegen des Elbenebenflusses Moldau) über Dresden bis zur breiten Mündung des Flusses bei Hamburg verlief. Zu Strauß' wichtigsten Aufgaben gehörte der  Ausbau der 'Verteidigungsbereiche Magdeburg, Dresden und Prag'; dort sollten unzählige Soldaten der Roten Armee in dem engen Straßengewirr in einem erbarmungslosen Häuserkampf verbluten - wie es bereits in den 'Festungen' Breslau, Königsberg und Posen geschehen war.
 

Schutz der Zivilbevölkerung systematisch vernachlässigt

Die Bewohner Dresdens glaubten bis zum 13. Februar, sie würden in relativer Sicherheit leben. Alle möglichen deutschen Städte waren bereits bombardiert worden. Dresden machte hier scheinbar eine Ausnahme. Weil Dresden reich an Kulturgütern war, glaubte man, es würde nicht bombardiert werden.

In den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges wurde der Ausbau von Luftschutzkellern vernachlässigt. Als Vorbereitung auf eine etwaige Bombardierung Dresdens wurden lediglich die Kellerräume der Häuser verstärkt und es wurden Kellerdurchbrüche von Haus zu Haus angelegt, um im Notfall die Flucht aus einem Keller ins Nachbarhaus zu ermöglichen. Doch diese Schutzmaßnahmen waren unzureichend.

1944 hatte es Joseph Goebbels untersagt, besondere Vorkehrungen zu treffen, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Alle verfügbaren Ressourcen sollten der Wehrmacht zu Gute kommen. Besonders tragisch war auch, dass alle Flak-Systeme aus Dresden abgezogen wurden und damit faktisch kein Verteidigungsmöglichkeit mehr vorhanden war.


Opferzahlen

Die Opferzahlen sind bis heute ein Streitpunkt geblieben. In der Vergangenheit schätzt man, dass mehrere Hunderttausend Menschen umgekommen sein müssen. Für die Nazipropaganda von Goebbels spielte die Übertreibung eine entscheidende Rolle.

In der geheimen "Schlussmeldung des Höheren SS- und Polizeiführers Elbe", die in den ersten beiden Märzwochen entstand und am 15. März 1945 dem Reichsbefehlshaber der Ordnungspolizei in Berlin zugeleitet wurde, hieß es:

Bis 10.03. 1945 festgestellt: 18375 Gefallene, 2212 Schwerverwundete, 13718 Leichtverwundete. 350.000 Obdachlose u. langfristig Umquartierte. ... Die Gesamtzahl der Gefallenen einschl. Ausländer wird aufgrund der bisherigen Erfahrungen u. Feststellungen bei der Bergung nunmehr auf etwa 25.000 geschätzt. Unter den Trümmermassen, insbes. d. Innenstadt dürften noch mehrere tausend Gefallene liegen, die vorläufig überhaupt nicht geborgen werden können.

Von der Goebbels-Propaganda wurden die Zahlen manipuliert, indem einfach eine Null angehangen wurde.

Zudem spricht einiges dafür, dass im Laufe des März Kopien eines zusätzlichen "Tagesbefehls Nr. 47" des Dresdner SS- und Polizeiführers, der eine Woche nach der Schlussmeldung in Umlauf gebracht wurde, oder zumindest Auszüge daraus von Goebbels' Propagandaministerium der Presse neutraler Länder zugeleitet wurden. Doch in diesem Dokument wurde die revidierte Zahl der während der letzten vier Wochen in Dresden geborgenen Toten (also 20204) durch eine hinzugesetzte "0" auf 202.040 hochgeschraubt. Die von der Polizei aufrechterhaltene Schätzung von voraussichtlich ingesamt 25.000 Toten wurden ebenfalls mit zehn multipliziert, und so kam man auf ine Viertelmillion zu erwartender Totes. Sogar die Zahl der auf dem Altmarkt eingeäscherten Leichen - 6856 - bekam eine "0" angehängt und wurde zu 68560.

 Ergebnis des Bombenkrieges

Taylor zitiert den Historiker Overy:
Noch bedeutender waren die indirekten Auswirkungen, denn die Bomberoffensive zwang die deutsche Wirtschaft, sehr beträchtliche Mittel von Ausrüstungen für die kämpfenden Fronten abzuzweigen und zur Bekämpfung der Bombengefahr einzusetzen. Luftabwehrgeschütze machten 1944 ein Drittel der gesamten Artillerieproduktion aus; die Luftabwehr verschlang 20 Prozent der erzeugten Munition, ein Drittel des Ausstoßes der optischen Industrie einen einen Anteil, der zwischen der Hälfte und zwei Dritteln lag, von der Produktion von Radar- und Fernmeldegeräten. Durch die hierfür abgezweigten Mittel fehlte dem deutschen Heer und der Marine wichtiges Radar- und Fernmeldegerät, das sie dringend für andere Aufgaben benötigten. Der Bombenkrieg fesselte auch einen Teil der knappen deutschen Arbeitskräfte: 1944 waren schätzungsweise zwei Millionen Deutsche mit der Luftabwehr, der Wiederinstandsetzung zerbombter Fabriken und generell mit der Beseitigung der Zerstörungen beschäftigt.

 Zum Buch

Das Buch ist gut geschrieben und schildert die Ereignisse des 13. Februar sehr detailreich. Der Autor belässt es aber nicht dabei, die Schrecken des Krieges besonders des Bombenkrieges zu schildern, sondern ordnet sie in den historischen Kontext ein.

Kritikwürdig an dem Buch ist, dass es streckenweise zu sehr auf Augenzeugenberichten basiert. Auch der immer wieder durchkommende Antikommunismus ist fragwürdig: Sowjetische Soldaten werden durchgängig als schießwütig dargestellt und um den Aufbau der SBZ und DDR verdiente Personen werden als kommunistische Apparatschiks diskreditiert. Im Gegenzug werden die Westalliierten als lupenreine Demokraten dargestellt, denen die eigentlichen Verdienste des Wiederaufbaus zustehen. An dieser Stelle hätte man erwarten können, dass Taylor mehr Verständnis für die gesellschaftlichen Zusammenhänge in der Nachkriegsphase aufgebracht hätte. Eine kritische Analyse der westalliierten Politik war nicht Gegenstand des Buches, wären aber angebracht gewesen; so manche Aussage hätte Taylor dann nicht so getätigt.

Frederick Taylor: Dresden. Dienstag 13. Februar 1945; Pantheon Verlag, 2008; 540 Seiten


Bezugsmöglichkeiten

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